Rund 5.000 Jahre alt und kein bisschen veraltet, dafür aber für alte wie junge Leute bekömmlich, keine Wettkämpfe, keine Medaillen, kein Werberummel – das ist Yoga.
Bei der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) kann man es kommerzfrei genießen.
Sechs bis zwölf TeilnehmerInnen zwischen 8 und 88 treffen
sich einmal wöchentlich, um sich auf Hatha Yoga einzulassen,
d.h. die klassischen indischen Körperübungen anzuwenden.
Das führt, wenn man beharrlich dranbleibt, unweigerlich zu mehr Gelenkigkeit, mehr Gesundheit und mehr Energie. Einfach durch den Wechsel von An- und Entspannung. Indem mensch eine Muskelpartie zuerst dehnt und dann lockert, wird der entsprechende Körperteil vermehrt durchblutet, die Zellen werden mit mehr Sauerstoff ver-
sorgt und dadurch belebt. Und weil Körper, Geist und Seele einen Zusammenhang bilden, gilt das für letztere genauso. Voilà: mehr Lebensfreude.
In einem verspannten Körper kann mensch sich nicht wohlfühlen.
Jedes Mal, wenn ich aus der Yoga-Stunde komme, spüre ich es
deutlich: ich bewege mich anders und ich fühle mich anders als
zuvor. Zufriedener, beschwingter. Das Rückgrat ist aufrechter, mein Blick heiterer, mein Schritt elastischer.
Während der Übungsstunde achten wir darauf, uns nicht mit den Mit-Übenden zu vergleichen und keineswegs Höchstleistungen zu vollbringen. Die würden uns schädigen statt aufbauen.
Die Schmerzgrenze wird nie missachtet. Ein Yoga-Übender muss weder befürchten, sich Meniskusrisse zuzuziehen, noch ein Sportlerherz, oder Angst vor dem »Elfmeter« haben. Er erntet keinerlei Trophäen, dafür konkurrenzfreies Einverständnis mit sich selbst.

Yoga bei der SSM
mit Ariane Dettloff

Einfach mal vorbeikommen und ausprobieren

jeden Dienstag von 18:30 bis 19:30 Uhr


Wenn ich nach einem Jahr Yoga-Praxis feststelle, dass meine
Hände nun unvermerkt die Zehen berühren, wenn ich den sitzenden Körper vorwärts strecke, ist das ein nettes Aha-Erlebnis, kein »sportlicher Triumph«. Ich habe niemanden besiegt, auch nicht einen »inneren Schweinehund«. Ich musste mich nicht kasteien, bloß in mich vertiefen. Das macht, wenn man’s erlernt hat, Spaß.
Vollkommen abschalten zu können, raus aus der Gedankenmühle, das tut ziemlich gut. Etwas länger hat’s gedauert, bis ich meinen Atem so verlangsamt und erleichtert hatte, dass meine Lunge jetzt spürbar mehr Sauerstoff aufnimmt, was mein Wohlbefinden fördert.
Dies ist den Atemübungen zu danken, die im Yoga eine wichtige Rolle spielen. Bei der hierzulande verbreiteten flachen Kurzatmung wird die Lunge nur zu einem Fünftel ausgenutzt. Wir »Yogis« geben ihr mehr Luft. Der Effekt: Meine Konzentrationsfähigkeit hat zugenommen.
Meine allwinterlichen Erkältungen haben sich dafür vermindert.
Last but not least hat meine sexuelle Empfindungsfähigkeit sich erweitert, seit ich Yoga praktiziere. Denn dabei lernt mensch sich zu spüren.

Wir üben in einem großen hellen ehemaligen Fabriksaal mit recyceltem Eichenparkett. Manchmal hört mein geistiges Ohr noch die Knobelbecher darauf knallen, denn die Bretter stammen aus einer ehemaligen Kaserne.
Dank einer Fußbodenheizung lässt es sich hier auch im Winter locker üben, wenn der »Erste Tibeter« dran ist und wir uns derwischähnlich drehen und drehen und wieder drehen.
Am Ende liegen wir in der »Totenstellung« auf den Decken, das heißt total entspannt im Hier und Jetzt.
Eine Wohltat ohne Konkurrenz und ohne Druck und ohne Pein.
Mit Sport hat das überhaupt gar nix zu tun. Nur damit, etwas für sich zu tun.
Für Kampfhunde gefährlich, verlören sie doch dabei jeden Kampftrieb.
Und was wäre ein Kapitalismus ohne Kämpfer?

Ariane Dettloff

(aus CONTRASTE - Zeitung für Selbstorganisation / Mai 2006)

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